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Auf den Spuren der usbekischen Seidenstraße

·1724 Wörter·9 min
Inhaltsverzeichnis

1001 Nacht in … Usbekistan? 😳
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Woran denkt man, wenn man Sultane, kuppelförmige Türme und türkisblaue Schlösser in oasenartigen Landschaften vor Augen hat? Infrage kämen da einige Länder, aber Usbekistan wäre uns dabei sicher nicht als erstes Land in den Sinn gekommen. Und doch wird diese Bilderbuchkulisse in Usbekistan erstaunlich greifbar:

  • Teepavillons, bei denen man durch im Wind wehende Tücher vor der Sonne geschützt wird,
  • Kamelkarawanen, die durch die sonst karge Landschaft in Richtung fruchtbarer Regionen ziehen,
  • prächtige, türkis- und petroleumblaue sowie goldene Türme und mit arabischer Kalligrafie geschmückte Tore,
  • wunderschöne, handgeknüpfte, edle Teppiche (auf einen fliegenden warteten wir bisher vergeblich),
  • Frauen in prächtigen orientalischen Kleidern und Tüchern.

Kurz: Wir befanden uns mittendrin in dieser morgenländischen Kulisse, so atemberaubend, dass sie unwirklich, eben fast wie ein orientalisches Märchen wirkte.

Fun fact: Tatsächlich spielt die älteste Fassung von Tausendundeine Nacht in - wer hätte es gedacht - China! Die Kulisse hat hingegen nichts von China, sondern vielmehr vom Nahen Osten, und Historiker gehen davon aus, dass “China” als Sinnbild für ein extrem weit entferntes, exotisches Land diente.

Chiwa, eine wahrhaftige Städtediva
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Zunächst ging es über Nukus, die Endhaltestelle unseres Zuges weiter in die kleine Stadt Chiwa. Dabei fiel uns während der Fahrt Richtung Osten auf, dass schon kurz hinter der Grenze die Landschaft langsam, aber stetig lieblicher, grüner und fruchtbarer wurde. Im Kontrast zur trockenen Steppe wirkte diese Landschaft in etwa wie eine Oase: Nach wie vor gab es viel Gelb, Ocker und Braun, doch es dominierte nicht mehr, sondern mischte sich mit dem Grün mancher Felder auf beiden Straßenseiten. Hier wuchs unter anderem Baumwolle und – das erste Mal, dass wir dem auf unserer Reise begegneten – Reis. Aber keine Sorge: Die traditionellen Gebäude, an denen wir vorbeisausten, bestanden größtenteils aus Stampflehm, allzu nass wird es also auch hier nicht werden.

Auch das Stadtbild Chiwas war kein Vergleich mit den Städten Aktau und Beyneu in Westkasachstan. Mit knapp hunderttausend Einwohnern ist Chiwa zwar nach wie vor keine Großstadt, aber ihre beachtlich gut erhaltene Altstadt, die zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurde – zu Recht! –, gab der Stadt direkt einen ganz besonderen Flair. Während wir von den vorherigen Städten reine lokale Authentizität und kaum Tourismus gewöhnt waren, strahlte Chiwa mit seinem glanzvollen, aber eben auch auf Tourismus ausgelegten Antlitz. Der Tourismus war hier zwar um ein Vielfaches höher als in den letzten Destinationen, aber eben auch um ein Vielfaches niedriger als der Übertourismus an vielen Mainstream-Spots wie die Pariser Innenstadt.

Schon vor den Toren gibt es einen autofreien Boulevard mit Brunnen, Pflanzen und ersten alten Gebäuden und Türmen. Dann erreicht man die Stadtmauer, deren durch Holz verstärkter Stampflehm und erdwallartiger Querschnitt diesem Bollwerk ein eigentümlich organisches Aussehen verleihen. Die großen, mit Schnitzereien reich verzierten Tore geben den Weg in ein Reich der Düfte, Farben und Stoffe frei. All das machte diesen Ort zauberhaft, fast schon magisch. Die Hochkultur der Vergangenheit ist hier zum Greifen nahe. Kuppeln und Türme, mit bunter Keramik verziert, ragen in den Himmel, und wenn man sich in den engen Gassen verirrt, kann man sich gut vorstellen, wie die Stadt mit ihren Händlern vor Leben brummte. Heute dominieren Souvenirs, Restaurants und Hotels, aber es gibt auch Projekte, die – unter anderem mit EU-Förderung – die alte Handwerkskunst aufrechterhalten.

So romantisch ist die Stadt, dass der chinesische Gentleman, dessen Unterkunft die Vermieter fälschlicherweise an uns doppelt vergeben hatten, für seine große Liebe hierherkam. Leider vergeblich, wie er uns im Zustand tiefsten Liebeskummers berichtete. Die Eltern seiner Geliebten, einer muslimischen Usbekin, hätten dieser Liaison aus religiösen Gründen nicht zugestimmt, sodass er seine Zeit in Chiwa nun statt in ihrer Gesellschaft mit dem gutem alten deutschen Bier verbringt.

Buchara, warst du schon da?
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Nach ein paar Tagen ging es von Chiwa weiter Richtung Osten nach Buchara. Hier stand uns die bis dato streckenmäßig längste Anhalterfahrt bevor. Der strahlend blaue Himmel sorgte zwar gut für unseren Vitamin-D-Haushalt, aber bei etwa 45 °C – im Schatten! – wollten wir nicht allzu lange mit ausgestrecktem Daumen am Straßenrand stehen. Daher ist es natürlich umso erfreulicher, dass uns so viele von euch zahlreiche LKWs aus der Heimat schicken. Leider war manchen Fahrern nicht bewusst, dass wir die Zielpersonen waren. Doch dann ging es ganz schnell und wir wurden direkt von A bis Z die gesamte Strecke mitgenommen; Ein Vorteil, wenn es eine limitierte Auswahl von Destinationen gibt und der Lkw-Fahrer zur Geburt seines ersten Enkelkindes so rasch wie möglich von Moskau nach Buchara zurückkommen will. Die einzige Begleiterscheinung dieses Manövers war eine gewisse Müdigkeit. So kam uns die Rolle zu, während der etwa sechsstündigen Fahrt für hinreichende Unterhaltung zu sorgen, damit bloß keiner einschlief. #😴🚛😱💥Prävention

In Buchara angekommen, staunten wir ein weiteres Mal nicht schlecht. Waren wir von Chiwa schon mächtig angetan, war Buchara noch einmal eine Steigerung. Chiwa hatte vielleicht die beeindruckendste zusammenhängend erhaltene Altstadt, doch die Mischung aus wunderschöner Altstadt und dem natürlichen Alltagsleben der Einwohner Bucharas in den alten Gemäuern gefiel uns fast noch besser. Chiwa schien ein bisschen mehr wie die herausgeputzte Museumsversion zum Besichtigen, während Buchara altehrwürdiges Erbe mit echtem Leben verknüpft. Wir mochten, wie die Jungs mittags in den Brunnen sprangen, die fremdartigen, wilden Klänge, die von Hochzeitszeremonien aus den Innenhöfen zu uns drangen, und wie Mädchen mit frischem Gemüse vom Markt durch die Gassen nach Hause liefen.

Das Treiben in der Stadt ist allerdings sehr abhängig von der Tageszeit. Wer zur Mittagszeit das Haus verlässt, findet vielleicht ein paar Leute im Schatten sitzend und Tee trinkend sowie ein paar verwirrte Touristen. Am Abend aber, sobald die Sonne glühend rot hinter dem Horizont verschwindet, beginnt die Stadt zu leben. An den Straßenrändern poppen Stände aus dem Boden, Straßenmusikanten spielen Musik, Familien flanieren, und ein Junge gab uns in bestem Englisch einen Pitch für sein Business rund um frischen Melonen- und Ananassaft. So gingen die Tage und Nächte in Buchara schneller vorbei, als uns lieb war.

Samarqand: Seidenstraße trifft Skyline
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Erneut erreichten wir die nächste Stadt Samarqand per Anhalter. Der Unterschied in Größe und Modernität war nicht zu übersehen und manifestierte sich, wie so oft, in hohen Gebäuden aus Stahlbeton mit Glasfassade. Gleichzeitig gibt es ein reiches Erbe an historischen Teilen und Bauwerken, die einerseits als bezaubernde Kulisse für viele Fotos dienen, andererseits aber auch gut geschützt hinter einer “Paywall” liegen. Am Abend erstrahlte der Registan-Platz, umgeben von den reich verzierten Toren seiner drei Madrassen, im Farbenspiel bunter Lichter, hinterlegt mit vielleicht etwas zu moderner, kitschiger Musik. Viele Menschen lassen sich in den Abendstunden auf den davorliegenden frei zugänglichen Treppen nieder, zahlreiche Kinder ließen ihre blinkenden UFOs steigen, und für einen Imbiss oder das richtige Souvenir findet man bei einem der zahlreichen Verkäufer sicher sein Glück.

Der Registan bei Nacht. Falls man vergessen hat, in welcher Stadt man sich befindet, stets eine Hilfe!

Etwas abseits des Trubels gibt es aber auch historische Altbauten der kleinen Frau, mal gut saniert, mal etwas bröselig, und dazwischen dann und wann auch einige versteckte Perlen wie kleine Moscheen im hier typischen Holzsäulenstil. All dies wird natürlich durch große Straßen verbunden. Trotzdem waren wir positiv überrascht, wie viel Grün es in Form von Parkanlagen und Alleen gibt, entlang derer wir uns, größtenteils im Schatten, durch den Stadtdschungel hangeln konnten. So fühlte es sich für uns an, als sei hier der Übergang von Tradition zu Moderne gut gelungen, ohne dass das eine gegen das andere ausgespielt wird.

Taschkent, größer geht’s nicht mehr
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Mit unserem letzten Stopp in Taschkent vervollständigten wir das Quartett der bekanntesten Städte Usbekistans. Doch obwohl es sich um die bevölkerungsreichste Stadt Zentralasiens und um die viertgrößte Stadt der ehemaligen UdSSR handelt, verbringen viele Reisende nicht einmal eine Nacht hier. Der Grund ist schnell erklärt: Die Stadt liegt abseits der Hauptseidenstraße, und eine Reihe von Erdbeben in den 1960er-Jahren wurde genutzt, um die historischen Gebäude durch sowjetische Moderne zu ersetzen. Dennoch wollten wir uns diese Weltstadt nicht entgehen lassen und fanden sogar einen Couchsurfing-Host. Der Weg dorthin gestaltete sich etwas abenteuerlich, denn die Adresse lag ganz am Ende der Stadt in der Nähe einiger Zementwerke. Von außen nichts ahnend, staunten wir beim Eintreten in den Hof nicht schlecht. Blumen, ein Rasen wie aus einem englischen Traum, ein kristallklarer Pool und ein künstlerisch beschmückter, klimatisierter Aufenthaltsraum mit moderner Küche – einfach wow! Nicht zu vergessen Betty, die Basset-Verschnitt-Hündin, die manchmal beim Laufen auf die eigenen Hängeohren trat, aber das kann schließlich jedem mal passieren.

Gründer dieser unerwarteten Oase ist unser Gastgeber Akmal, der dies alles zusammen mit seinem Vater und der künstlerischen Ader seiner Schwester aufgebaut hat – mit der strategischen Weitsicht, dass hier in wenigen Jahren das neue Verwaltungszentrum Taschkents entstehen soll. So haben sie sich bereits einen guten Platz gesichert und betreiben hier ein Guesthouse. Bei unserer Anfrage war dieses bereits ausgebucht, doch schlug er vor, uns den Rasen zu überlassen, sofern wir ein Zelt hätten. So bauten wir unser kleines Zelt hinter der Sauna auf, die jenseits der 35°C ohnehin selten benutzt wurde. Dies hatte den unschlagbaren Vorteil, dass wir spätestens um 8 Uhr morgens aus dem bereits überhitzten Zelt direkt in den Pool springen konnten. Diese Wonne, diesen Luxus hatten wir auf der Reise nur selten genossen.

Zum Erkunden der Stadt drangen wir jeden Tag etwas weiter mit der Metro vor, und bereits dessen Stationen – Pro-Tipp: insbesondere auf der blauen Linie – waren wirklich sehenswert. Die Stadt selbst hat einen ultramodernen Kern, einige nachgebaut-europäische Viertel, etwas brutalistischen Sowjet-Prunk, bevor es in “normale” Viertel mit eben 1960er-Jahre-Flair übergeht. Eindrücklich war auch die Menge an Fontänen, die sowohl die Umgebung kühlten als auch tatsächlich zum “Baden” verwendet wurden.

Die Abende verbrachten wir mit Akmal, kochten gemeinsam und profitierten sowohl von seinen lokalen Kenntnissen als auch von seinen internationalen Erfahrungen durch die Highschool in Israel, das Studium in London und den PhD in Prag. Besonders beeindruckte uns seine Macher-Natur: Gerade leitete er noch ein partizipatives Programm zur Reintegration Suchterkrankter und fuhr mit ihnen als Höhepunkt auf ein Festival, da sah er eine neue Businesslücke was den öffentlichen Bedarf betrifft, es reizte ihn etwas Neues zu machen, und nun baut er ein Pflegenetzwerk für Demenzerkrankte auf.

Mit dieser Motivation “einfach etwas anzupacken” im Rucksack, ging es bald schon für neue Abenteuer und ein großes familiäres Wiedersehen mit dem Nachtzug weiter: wieder in das gute alte nach Kasachstan.

In freudiger Erwartung auf unsere anstehende Zusammenkunft mit… 😜