Knapp drei Monate haben wir unterschiedliche Ecken der Türkei erkundet, ihre Kultur, Mentaliät, Landschaft, Speisen aufgesogen und unseren Türksich Wortschatz von nicht vorhanden auf vielleicht stolze 100 Wörter aufgemotzt. Und eines ist sicher, wir kommen wieder!
Deutschland - Türkei: Eine assymetrische Beziehung?#
Da ist Deutschland doch so eng mit der Türkei verbunden, und doch haben wir erst hier vor Ort bemerkt, wie einseitig diese Beziehung ist. Viele Türken wissen erstaunlich viel über Deutschland und interessieren sich wirklich für uns. Bei uns ist es häufig genau andersherum: Abseits von Döner und ein paar schwammigen Assoziationen wissen wir Deutschen häufig ungleich weniger über die türkische Kultur.
So werden wir hier, um nur ein Beispiel zu nennen, häufig mit “Hallo wie geht’s?” begrüßt und es wäre spannend zu wissen, wie viele unserer Mitbürger das equivalent auf türkisch “Merhaba, nasılsın?” kennen. Wir jedenfalls mussten es erst lernen. Auch bei bereits bekannten Konzepten lagen wir häufig ein gutes Stück daneben. So wird der Buchstabe „c“, wie in “Cem” in Deutschland häufig als “tsch” gesprochen, richtig wäre allerdings “dsch” wie in “Dschungel”.
Je länger wir unterwegs waren, desto klarer wurde uns auch, wie eingeschränkt unser eigenes Bild von der Türkei bisher war. Gerade im Landesinneren begegnet uns eine Vielfalt, eine Gastfreundschaft und eine kulturelle Tiefe, von der wir voher schlicht nichts wussten. 😮 … Aber deswegen sind wir ja so gerne unterwegs.⛰️🛣️🎒
WYSIWYS: What you see is what you say.#
Da wir oben bereits mit Sprache angefangen haben, können wir auch direkt dabei bleiben. Die Türkei hat vor ziemlich exakt hundert Jahren von einem arabischen zu einem lateinischen Alphabet gewechselt. Dies bringt den Vorteil für uns, die Schrift in Laute verwandeln zu können; und dies, nach Verinnerlichen einiger weniger Modifikationsregeln, mit beachtlicher Akkuratesse. Insbesondere den Mut auch französischstämmige Wörter gnadenlos zu schreiben, wie man sie spricht, hat bei uns für einige Belustigung gesorgt (seht selbst). Ein Ausdruck, der das hiesige zwischenmenschliche und familiäre Verhältnis besonders schön in der Sprache widerspiegelt, ist die Anrede „Abi“ oder „Abla“ (auf Deutsch etwa „älterer Bruder“ bzw. „ältere Schwester“, mit respektvoller Konnotation). Diese wird auch Fremden schnell und unabhängig vom tatsächlichen Verwandtschaftsgrad entgegengebracht – eine Gewohnheit, die wir sehr schätzen gelernt haben.
Neujahrsputz der Darmflora#
Nach unseren essenstechnisch intensiveren letzten Wochen in Kamerun musste unsere verschobene Darmflora in der Türkei erstmal wieder ins Lot gebracht werden. Da half es, dass die türkische Küsche mehr kennt als Döner, der international wohl am prominentesten mit der Türkei verknüpft wird. Bitter ist dabei, dass der Döner nach deutschem Verständnis noch nicht einmal dem hiesigen entspricht! (Nein, doch, ochh!) Soweit unser hier geupdatetes Verständnis reicht - Achtung, hiermit begeben wir uns schließlich auf gefährliches Terrain - ist Döner eine schlichte, fleischbetonte Zubereitung mit hochwertig geschichtetem Fleisch, wenigen, ausgewählten Beilagen und nur zurückhaltend eingesetzten Soßen, bei der der Eigengeschmack der Zutaten im Vordergrund steht, nicht etwa die üppige, stark saucen- und gemüsereiche Streetfood-Variante mit Schnickschnack im Brot, die wir in Deutschland mit Döner verknüpfen. Klar sind Fleisch-Gerichte wie unterschiedliche Kebab (im Übrigen auch nicht synonym mit Döner) vor Ort prominent vertreten, doch mangelt es auch nicht an vegetarischen Köstlichkeiten; allerdings nahm deren Verfügbarkeit nach Osten hin spürbar ab.
Zu unseren Favorites zählen Çiğ köfte - wortwörtlich “rohes Fleisch”, das heutzutage, aufgrund von ehemaliger Vergiftungsgefahr, fast ausschließlich zu “Fakefleisch” aus Bulgur mit leckeren Gewürzen mutierte -, Weinblätterrollen (etwa Dolma oder Sarma), Börek, Künefe, Backlawa, Manti und diverse Suppen z.B. Nudelminzsuppe oder Mercemek (Linsensuppe). Im Alltag wurde unsere Kochinspiration im wesentlichen um Menemen und Salat (nach Art unseres Mitbewohners Göksel in Geyikbayiri: Petersilie, Dill, süß-sauer mit Zitrone und Pekmez Trauben-Molasse) erweitert. Toll ist auch einfach das Türkische Frühstick Serpme Kahvaltı, das mit Pekmez und Tahini auf der einen sowie Eiern, geschmacksintensieven Tomaten und Gurken auf der anderen Seite einfach unschlagbar ist. Dazu kommt aber natürlich auch alleine schon das Einkaufserlebnis in den Basaren mit ihren vielen schönen bunten Ständen mit Nüssen, (Trocken-)früchten und wohlduftenden Gewürzen, dessen Geruch als das beste “Amüs Buş” wirkt.
Leute und Kultur#
Natürlich ist Basar auch noch viel mehr als nur ein Gaumenschmankerl. Man findet einfach alles dort (siehe z.B. die kreativ-aufwendigen Hochzeitskleider), auch einen Einblick in das Alltagstreiben. Zum einen gibt es einfach überall Tee und Männer die Backgammon oder Okay (dt. Rummikub) spielen. Sehr viele rauchen dabei. Auch wurden wir auf den Basaren, vor allem in den Städten im Westen, häufiger angesprochen. Meist ging es dabei darum, etwas (auf deutsch) zu quataschen und, naja, beiläufig auch etwas zu verkaufen; frei nach dem Motto “Hey, woher kommst du, Bruder? Ah Deutschland, echt super! Ich hab da Familie, in Köln, echt super! Ich hab hier übrigens auch nen Laden. Brauchst du ne Hose? Komm doch rein, ich lad dich ein, Bruder! …” Hin und wieder wurde uns sogar auch Quick Buissness vorgeschlagen. So wurden wir zum Beispiel angehauen, unsere Onkel oder Bekannten (aus Deutschland) für Zahnbehandlungen oder Schönheits-OPs gegen eine Provision zu vermitteln. 🙂

Ein weiterer Aspekt ist natürlich die Religion. Diese ist durch die melodischen Muezingesänge ein Stück weit omnipresent (und für uns auch sehr schön), aber welche Rolle sie für die Menschen vor Ort spielt, kann man bis zu einem gewissen Grad an der Kleidung der Leute, insbesondere bei Frauen, ausmachen. Generell sahen wir auf den Straßen eine bunte Mischung von Punk bis Vollverschleierung und alle Formen und Farben dazwischen. In den Städten war die Tendenz eher weltlicher, auf dem Land insbesondere Richtung Osten war alles etwas tradioneller. Hier trugen zum Beispiel auch die Männer häufiger traditionelle Pumphosen mit etwa kniehohem Schritt und nirgendwo sahen wir mehr Gebetsketten mit denen jeder Mann, neben welcher Tätigkeit auch immer, in der Hand herumspielte. Im Süd-Osten gesellten sich auch arabisch anmutenden Kleidung (bestehend aus weißen langen Geändern und einem Stoffring auf dem Kopf) dazu, wahrscheinlich auch durch den hohen Anteil syrischer Flüchtlinge. Interessant war auch in den Städten unweit der syrischen Grenze plötzlich zu beobachten, dass die Jungs auf den Straßen vielfach mit Spielzeugwaffen spielten, die auch vielfach auf den Basaren zum Verkauf geboten wurden. Zudem sahen die Menschen hier vom Leben gezeichneter aus und es gab zwar viele “Jungsbanden” die durch die Straßen zogen, aber wo waren deren Schwestern?
Auch in der Arbeitsteilung in unserern Projekten konnte man eine gewissen Unterschied zwischen Frauen und Männern feststellen. So durft Sandrine in jedem der drei Projekte z.B. keine schweren Sachen tragen und wurde durchweg eher zum Zimmermachen als zum Holzhacken oder Werkeln geschickt.
Im Osten der Türkei waren wir dann doch über die starke Identifikation mit Kurdistan überrascht. Wenn wir Leute fragten woher sie kommen, war “Kurdistan” mit großer Mehrheit die Antwort und bei unseren Gastgebern kamen die schwierigen Bedingungen für Kurden, wie verbotene Schulsprache, oft zur Sprache. Von Türken aus den westlicheren Teilen der Türkei hörten wir einige Male, dass der Osten, gelinde ausgedrückt, ganz anders sei. Und auch der Kurs der Regierung schien umso auffälliger durch, je weiter wir Richtung Osten vorstießen. Zum Beispiel war auffällig, wie historische Bauwerke, die kulturell auf Linie sind bestens erhalten und beworben werden, während beispielsweise ehemalige armenische Bauwerke gänzlich ohne Informationstafel dem Verfall ausgeliefert sind. Bei so manchen Couchsurfing Erfahrungen bei Lehrern lernten wir auch, wie kleinteilig die Unterrichtsinhalte vorgegeben sind, bis hin zu, welche Übung soll in welchem Teil der wievielten Schulstunde in Woche X durchgenommen werden. Hierfür gibt es sogar Apps. Das macht für die Lehrer einerseits natürlich weniger Aufwand, lässt ihnen auf der anderen Seite aber auch entsprechend deutlich weniger Freiraum. Tatsächlich waren wir doch auch ein wenig überrascht zu lernen, wie wenig Englisch so mancher Englischlehrer (zumindest im Südosten) beherrscht.
Ein paar Worte zur türkischen Gastfreundschaft#
Wer türkische Kultur sagt, sagt auch türkische Gastfreundschaft. Diese nimmt Dimensionen an, die man in Deutschland so nicht kennt und denen wir in diesem Ausmaß zuvor noch nicht begegnet sind. So wurden wir von Fahrern und Gastgebern stets mindestens zum Tee eingeladen, häufig auch noch zum Essen. Sandrine wurde sogar einmal die Toilettengebühr bezahlt. In diesen Situationen war Diskussion keine Option und das einzige was wir für den Moment zurückgeben konnten, war unsere Dankbarkeit sowie uns vorzunehmen, zukünftig anderen das Gleiche zukommen zu lassen. Dementsprechend war es ebenfalls kein Problem per Anhalter zu reisen. Egal ob man an einer bestimmten Stelle gut oder schlecht halten konnte, stets wurden wir schnell mitgenommen und lernten, dass Straßenregeln eher Richtlinien sind. Das bekommt scheinbar auch so mancher Straßenhund zu spüren: An einem einzigen Stopp beim Hitchhiken beobachteten wir beispielsweise, wie ein überfahrener Hund am Straßenrand lag und und ein anderer gerade angefahren wurde. Die Fahrerinnen hielten am Seitenstreifen an, allerdings lediglich um das Auto zu begutachten, den Hund würdigten sie keines Blickes.
STVO#
Die Straßen selbst sind hier im Übrigen beeindruckend gut ausgebaut, vielfach sehr neu, aber auch von merklich guter Qualität. Natürlich sind die weiten Strecken von Großstadt zu Großstadt gut ausgebaut, aber sogar in sehr weit abgelegene Orte führen vielspurige Straßen durch aufwändige Tunnel und Brücken. Wir wären gespannt zu sehen, wie diese scheinbar noch recht neuen Straßen wohl in 30 Jahren aussehen, aber für den Moment ist deutlich sichtbar, wie viel hier investiert wird. In diesem Zuge gewannen wir auch den Eindruck von der Türkei als einem Land, indem vieles noch sichtlich mehr um das Auto geplant wird als in Deutschland. Gerade im Kontrast zu deutschen Städten fällt auf, dass das Auto einfach Priorität hat. Je nach Stadt gibt es nicht unbedingt Gehwege und, falls doch, sind sie häufig derart zerstrört oder voll mit anderen Dingen, nicht zuletzt Autos, dass sie kaum nutzbar sind. Auch dürfen Zebrastreifen zumindest in der Praxis wohl keineswegs so verstanden werden, dass man als Fußgänger Vorfahrt hätte. Da wird einem erst bewusst, wie fußgängeregalitär wir in Deutschland im internationalen Vergleich doch schon sind. Und dann macht ganz generell alleine schon der Anblick der vielen schicken Limosinen, die durch die Gegend rasen einfach deutlich: Türken mögen Autos. 🙂
Auf der Suche nach 85 Millionen Einwohnern#
Zu Beginn unserer Türkei-Runde summierten wir die Bevölkerungszahlen der 4-5 uns bekannten großen Städte auf und, nach Abzug dieser, schien ein noch sehr beachtlicher Teil der Bevölkerung zu fehlen. Fälschicherweise nahmen wir an, alle anderen seien einfach in kleinen Dörfern über die Fläche hinweg verteilt. Als wir dann aber mehrmals - nach vielen vielen Kilometern über die aufwendig in die Berge getriebenen besten Straßen ohne ein einziges Dorf - unerwartet in großen Städten mit über einer Millionen Einwohnern haltmachten, realisierten wir, wie viele Großstädte die Türkei eigentlich hat. Diese Städte hatten meist ausgedehnte moderne (copy-paste) Viertel, die in den letzen 20 Jahren entstanden sein müssen - und beim Anblick dieser fragt man sich ein bisschen wo denn bitte die “ärmliche” Türkei sein soll, die so mancher Deutsche vlt. vor Augen hat. Dementsprechend gab es auch unglaublich viele Beton- und Zementgeschäfte. Je nach Stadt gab es manchmal deutlich weniger öffentlich “Wohlfühlorte” und Parks waren zwar meist sehr neu, dafür aber etwas seelenlos. Immerhin sind die Städte von Katzen dafür umso mehr beseelt, das Land hingegen von den Hunden. Auffällig war an den Parks auch, dass sie stets entweder Atatürk oder Erdogan gewidmet sind; wobei die Unterscheidung Atatürk vs. Erdogan, nach dem was man so hört, wohl auch die individuell-ideologische Differenzlinie in der Gesellschaft widerspiegelt. Für den Fall, dass man vergessen sollte, in welchem Land man sich befindet, ist in der Türkei auf jeden Fall bestens vorgesorgt. Denn sowohl in Parks als auch an allerhand anderen Orten (so auch in Busbahnhöfen) verleihen viele, teils riesige türkische Flaggen auf jeder Anhöhe einem Pariotismus Ausdruck, den wir so noch nicht gesehen haben. Dazu kommt vor allem Richtung Osten eine beeindruckende Militärpresenz durch Kasernen, Militärzonen und Straßenkontrollen.
Jeder kann alles#
Als qualitätsverliebte Deutsche und nach einer gewissen Rekalibrierung in Kamerun kommen wir nicht umhin auch ein wenig auf die Standarts einzugehen. Sowohl bei Hotels als auch bei privaten Unterküntfen fiel uns auf, dass nicht immer alles bis zu Ende durchdacht ist. So passen Bettbezüge und Bettdecken (wie es scheint auch in besseren Hotels) selten zueinander und Laken oft nicht wirklich auf die Matrazen. Lichtschalter sind häufig sinnfrei oder an seltsamen Stellen angebracht und einfache Details wie Handtuchhaken, Klopapier für mehr als einen Spülgang, heile Klobrillen und die Übereinstimmung von Armatur zu Warm- und Kaltwasser wird hier scheinbar überbewertet. Amüsanterweise, haben die türkischen Besen wohl auch bei allerhand anderen Workaway-Leuten einen bleibenden Eindruck hinterlassen, die, halbhoch und aus dünnem Plasik, rekordverdächtig schnell brechen und selbst brandneu und heil nicht zufriedenstellend funktionieren. Es scheint so als wäre eigentlich alles gut gemeint und viel fehlt nicht (über Kamerun kann man das zumindest häufig nicht ganz behaupten), aber als hätte die Energie oder die kulturelle Basis, bzw. einfach das Empfinden der Notwendigkeit für den Feinschliff gefehlt. Dies kann aber auch daher kommen, dass es scheinbar weniger professionelle Ausbildung gibt, sondern eher eine Kultur des ich kann das für dich machen. Dazu passte auch unser Eindruck der Arbeitsmentalität, die man in den Kontexten, in denen wir mit ihr konfrontiert waren, mit dem Grundsatz “Bloß nicht überanstregen, erstmal ein bisschen Tee und eine Zigarette, morgen ist auch noch ein Tag” zusammenfassen könnten. Wen interressiert schon, ob es am Ende nur noch ein bisschen schäpp oder einfach fast aber eben nicht ganz fertig ist, es funktioniert schließlich gut genug. Die 80-20-Regel befolgt man hier sichtlich gut. 🙂
Das Verbindende#
Neben all diesen Beobachtungen ist uns auch wieder bewusst geworden, wie universell und global unsere Welt ist. Wir hören dieselben Klingeltöne und TikTok-Jingles wie in Kamerun oder in der Schweiz, sehen ähnliche Bauweisen aus Beton und wiederkehrende Muster in Städten und Infrastruktur.
Und doch sind es am Ende vor allem die Menschen, die den Unterschied machen – oder eben auch nicht. Denn egal, wo wir unterwegs waren: Es sind Menschen mit offenen Herzen, mit Neugier und einer Selbstverständlichkeit im Umgang mit Fremden, die uns immer wieder beeindruckt. Vielleicht ist es genau diese Mischung aus Vertrautem und Neuem, aus Gemeinsamkeiten und Unterschieden, die die Türkei zu so einem interessanten und sehenswerten Reiseziehl machen.

























