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Reise durch Kurdistan

·1461 Wörter·7 min
Inhaltsverzeichnis

Lirum, Larum, Löffelstiel
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Nach drei Workaway-Projekten am Stück – das letzte davon drei Wochen NGO-Volunteering am gleichen Fleck – waren wir nun wieder reif für einen etwas dynamischeren Tapetenwechsel. Unser nächstes Projekt, das erste in Georgien, war erst für Anfang April angesetzt, also hatten wir knappe drei Wochen Zeit, um auf dem Weg dorthin den Osten der Türkei zu erkunden. Die erste Frage war lirum oder larum und am Ende entschieden wir uns für gutes Wetter und die Südroute.

(Gazi)Antep
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Info: Wie für diese Region nicht unüblich wurde erste Teil des Namens “Gazi” (dt. Krieger) erst später als Zeichen des Widerstands während des türkischen Befreiungskrieges hinzugefügt. Ähnliches gibt es für andere Städte dieser Region wie etwa im Falle der weiter unten beschriebenen Stadt “Şanlı” (dt. Ruhmreiches) Urfa.

Am Montag den 16.03. ging es mit dem Bus zunächst nach Gaziantep, einer Stadt etwa 50 km nördlich der syrischen Grenze. Wie schon unsere letzte Busfahrt nach Göreme, führte uns auch diese Reise durch atemberaubende Landschaften. Gute 10 Stunden später stellten wir bei unserer Einfahrt in die Stadt überrascht fest, wie groß die Gaziantep mit seinen über 2 Millionen Einwohnern ist. Generell ist die Türkei für ihre herzliche und großzügige Gastfreundschaft bekannt und dies bestätigte sich mit unserem ersten (erfolgreichem) Couchsurfing Host, der uns nicht nur in seiner Wohnung aufnahm - die wir mit zwei wunderschönen, riesigen Katzen teilten - sondern auch darauf bestand, uns am späten Abend vom Busbahnhof abzuholen.

Werbung: Couchsurfing ist eine Reiseart, bei der man bei anderen auf der Couch übernachtet. So kommt man in den Genuss eines echten lokalen Austauschs und lernt viel über die lokale Kultur. Im besten Fall entstehen zudem Freundschaften und man unterstützt den interkulturellen Austausch. Wer Hosten oder Surfen einfach mal ausprobieren will kann z.B. kostenfrei Couchers.org nutzen.

Da wir nur zwei Nächte in Antep eingeplant hatten, blieben unsere Erkundungen auf das Wesentliche beschränkt. So durchwanderten wir die Stadt, besuchten den wuseligen Bazar und das berühmte Mosaikmuseum (btw. das größte der Welt). Uns beieindruckte, dass die Stadt zum größten Teil hochmodern - wenn vielleicht auch einen Hauch seelenlos - war und die Wohnviertel in weiten Teilen durch eine beliebige Großstadt in Europa ausgetaucht werden könnten. Der Bazar war zwar wuselig, wobei Touristmus hier doch eine ganze Ecke kleiner zu sein scheint als in anderen Landesteilen. Somit wurden wir weniger angesprochen und fühlten uns etwas weniger getrieben als anderswo.

Der Höhepunkt war aber in jedem Fall das Zeugma Mosaikmuseum. Hier werden in zwei riesigen Gebäuden die wertvollen Mosaike der Antike ausgestellt. Farben, Detailreichtum, Größe sowie Zustand beeindruckten uns sehr. Vor allem, da einem guten Teil der Austellungsstücke das Wasser eines neuen Dammes bis Oberkante Unterlippe stand und diese in einer Nacht- und Nebelaktion gerettet wurden. Alle bekannten Werke konnten allerdings leider nicht gerettet werden und wer weiß welche historischen Schätze dadurch zu Grunde gingen. Wiederum andere Austellungsstücke wurden aus ihrer Originalumgebung genommen um Schmugglern und Schatzsuchern zuvorzukommen, denn wie jeder weiß, versteckten Römer ihre Wertsachen under den schönsten Abschnitten eines jeden Mosaiks (NICHT!). Am Abend aßen wir, dem wertvollen Rat unseres Gastgebers folgend, im einzigen vegetarischen Restaurant das wir in der Türkei antrafen und die Interpretation traditioneller Gerichte ohne Fleisch war wirklich super lecker!

(Şanlı)Urfa
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Die nächste Etappe wollten wir per Anhalter zurücklegen. So schrieben wir ein Schild, hielten Schild und Daumen hoch und waren auch schon bald mit unterschiedlichen Autos unterwegs. Diesmal durchquerten wir viele Pistazienplantagen und dann auch bald den Euphrat. Damit überschritten wir gefühlt die Grenze in den “Osten”, denn mit seiner sandfarbenen Flachdachbauweise erinnerte uns der erste Eindruck der nächst Stadt “Urfa” direkt an Mesopotanien. Auch die Leute waren traditioneller gekleidet: teilweise türkisch z.B. tiefe Hosen, teilweise arabisch z.B. mit langen Gewändern. Der Gesamteindruck war kein Vergleich zu allen vorherigen Städten und das erste Mal hatte man das Gefühl, plötzlich in einer kulturell ganz anderen Welt zu sein. Unsere Unterkunft lag diesmal inmitten der Altstadt aus beigem Stein und über die Dachterasse zogen schlanke braune Tauben ihre engen Kreise vor dem regengrauen Himmel. Zum Glück hatten wir hier einen Tag mehr eingeplant, sodass wir uns mit außnahmsweise mal gnädigem Wetter an Eid (dt. Zuckerfest) die Zeit nehmen konnten, die Stadt Abrahams bei strahelndem Sonnenschein zu erkunden. Das Herz der Stadt schlägt am Balıklıgöl, dem See, der nach religiöser Überlieferung das Überbleibsel der Wuderrettung Abrahams war, in dem Feuer in Wasser und Holz in Fische verwandelt wurden. Als wir durch die Gassen schlenderten war generell viel los und als einzige westliche Touristen bekamen wir viel nette Aufmerksamkeit: Zum einen schenkten uns viele Menschen anlässlich von Eid Süßigkeiten und einige vor allem Kinder und jüngere Menschen, darunter auch eine Bande Jungs, waren sehr von unsrer Kamera angetan. Die größte Schwierigkeit bestand darin zu erklären, dass wir die Bilder anders als bei einer Polaroidkamera zwar nicht direkt ausdrucken, sie ihnen aber später schicken können.

Adıyaman
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Die Kultur im Süd-Osten der Türkei reicht bis mindestens 12.000 Jahre vor Christus zurück. Aus dieser Zeit datiert die Errichtung der ältesten bekannten Bauwerke, deren Realisierung die koordinierte Leistung einer größeren Gesellschaft erforderte. Was kann einem da besseres passieren, als bei einem Archeologie studierenden Englischlehrer zu couchsurfen? Nun, bei einem Archeologie studierenden extem gastfreundlichen Englischlehrer zu Cousurfen, der seinen freien Feiertag dazu nutzt, uns die Kultur seiner Region näher zu bringen! Und so besichtigten wir mit ihm als Guide, der tatsächlich auch an den Ausgrabungen mitarbeitet, bei feinstem englischen Wetter einige der historische Stätten. Fun fact: Die Bezeichung des Leiters der Ausgrabungen ist tatsächlich dig head. Den Abend ließen wir dann noch gemütlich im Restaurant und mit dem Film Soul (2020) ausklingen.

Mardin
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Da mit dem Ende der Feiertage die Busse bereits ausgebucht waren und wir gute Erfahrung mit Hitchhiking gemacht hatten, beschlossen wir die nächste Etappe auf diese Weise anzugehen. Und es lief wie geschmiert: Wir wurden stets gut mitgenommen und kamen wie wir es drehten und wendeten nicht um einen Tee herum. Der Haken: Wir kamen stets nur wenige Kilometer weiter und mit dem Tee im Schnitt sehr langsam. Das heißt, auf 15 Minuten Fahrt folgten vlt. 20 Minuten Tee. Dummerweise füllte das die Blase schneller als man vom Fleck kam. Aber, hey, wer will sich schon über Einladungen zum Tee und Gebäck beklagen! Und anschließend ging es nach einer kurzen (ungeplanten) Überbrückung mit einem Dolmuş (dt. Kleinbus) dann doch ganz schnell, sodass zwei lange Abschnitte direkt hintereinander unsere etwa 300 km lange Odysee vollendeten und bei unserer Host ankamen.

Unser nächstes Ziel, die Stadt Mardin, liegt am Berghang am Rande der Mesopotanischen Ebene, welche sich im satten Grün vor uns erstreckte. Mardin selbst hat eine touristisch recht gut erschlossene Altstadt und wir verbrachten einen der seltenen sonningen Tagen um diese zu erkunden. Zudem deckten wir uns mit Çiğ Köfte, einem unserer liebsten vegetarischen Reiseoptionen ein. Da wir nicht 400g sondern für 400 Lira bekamem, waren wir für den Tag mit 800g bestens versorgt und unsere Picknickeinheiten sorgten für so manchen Schmunzler. 🙂

Van und Kars
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Um nach Georgien zu kommen, mussten wir zum Schluss noch die bergigste Region der Türkei durchqueren. Auf dem Weg besuchten wir Van, welches die durchwachsene Geschichte einer Region zwischen türkischem, persischem und nicht zuletzt armenischen Einfuss widerspiegelt. Im Zuge der vielen wiederholten Eroberungen wurde die Altstadt am Vansee (viel besser als der Wannsee 😋) vollständig zerstört und nur eine Moschee wiederaufgebaut. Schade, denn angeblich sei das historische Van ein wunderschöner, wesentlicher Hub der Seidenstraße gewesen. Die Überbleibsel der Stadt, unterhalb der Burgruine, wurden in den letzten hundert Jahren von Gras überwachsen und heute bleibt eine hügelige, umzeunte Wiese, während die moderne Stadt sich östlich auf der anderen Seite der Burg befindet.

Kars ist in der Türkei für seinen Käse bekannt. Keine Frage, als schweiz-französisch-geprägte Käseliebhaber mussten wir natürlich sehen was dahinter steckt. In der Tat finden sich im gesamten Innenstadtgebiet eine beeindruckende Anzahl an Käseläden deren Dichte uns rekordverdächtig erscheint. Nachdem wir uns einen Überblick der Stadt verschafft hatten, inklusive eines beeindruckenden Panoramas von der Burg, fanden wir uns schon bald in einem dieser Läden wieder. Neben allgemeiner Neugier über die im nationalen und internationalen Vergleich herrschende Käsevarietät, wollten wir auch Gravier eine lokale Variante des bekannten Schweizer Gruyère probieren. In der Tat hatten die Käse hier mehr Geschmack als im Rest der Türkei. Der Gravier hatte große Löcher und erinnerte uns eher an Emmentaler (allerdings mit mehr Geschmack nach “guter alter Landluft”) und am Ende landete er, zusammen mit einem weiteren lokalen Hardkäse sowie einem Wabenhonig, in unserem Einkaufskorb.

Ausklang
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Unsere zwei Wochen im Süd-Osten der Türkei waren also wiklich gefüllt von vielen Eindrücken und Erlebnissen und wir haben die Türkei nochmal von einer anderen Seite erleben können, die wir in guter Erinnerung behalten werden.

Abendliche Atmosphäre auf dem zentralen Platz in Kars vor der Burg.