Ab ins Dorf?#
Am 20.01. machten wir uns um 6:30 Uhr auf den Weg, um den 0°C in Istanbul zu entfliehen; diesmal per BlaBlaCar. Ein freundlicher Pendler nahm uns mit in Richtung Süden. Kaum hatten wir die Hälfte der Strecke zurückgelegt, wichen die dunklen Wolken einem strahlend blauen Himmel. Auf der Fahrt warnte uns unser Mitfahrer Can Mert als Erster – aber sicher nicht als Letzter – vor, wie „langweilig“ Izmir doch sei; eigentlich sei es nur das größte Dorf der Türkei und keine richtige Stadt. Sobald wir uns dem Dorf näherten, entstand bei uns jedoch ein völlig anderer Eindruck: schicke Shoppingmalls und prächtige Hochhäuser säumten rechts und links die Einfahrt der Stadt, die mit knapp 4,5 Millionen Einwohnern immerhin die drittgrößte der Türkei ist.
Hostel mal anders#
Beschwingt vom Sonnenschein, der uns bei unserer Ankunft gegen 13 Uhr im Zentrum empfing, machten wir uns auf zu unserer Unterkunft und „Arbeitsstelle“: dem kleinen, familiären Lotus Garden Hostel. Der Deal ist einfach: Wir helfen einige Stunden am Tag bei allen anfallenden Aufgaben und können im Gegenzug kostenlos wohnen – inklusive Frühstück. Voller Tatendrang meldeten wir uns zum Dienst, doch es hieß, wir bräuchten am ersten Tag nichts zu tun und sollten uns einfach ausruhen. Was tun mit so viel Freizeit? 😱 Auch am nächsten Tag ging es gemächlich los. Felix war bereits um 7:00 Uhr auf den Beinen, doch statt uns an die Arbeit zu schicken, hielt uns unsere Gastgeberin Cosku dazu an, uns in den Gemeinschaftsbereich zu setzen, uns bedienen zu lassen und das mit Liebe zubereitete türkische Frühstück zu genießen – mmmh! Erst gegen 10:30 Uhr erhielten wir unsere ersten Aufgaben. In unseren zwei Wochen in Izmir standen neben klassischen Hostel-Tätigkeiten wie Bettenwechsel, Aufräumen und Wäsche auch handfestere Jobs an: Holzhacken, Bauschutt entfernen und den Fahrradkeller auf Vordermann bringen. Je nach Gästeaufkommen lag der Fokus mal auf dem Tagesgeschäft, mal auf Sonderprojekten wie dem Aussortieren der Küchenschränke. Meist erstreckte sich der Arbeitstag bis etwa 14 oder 16 Uhr, sodass uns genug Zeit für eigene Projekte und Erkundungsspaziergänge blieb.
Unterwegs in der Stadt#
Wir genossen es sehr, dass unser Hostel mitten im Zentrum eines riesigen Basars lag, der sich bis zur Küstenpromenade erstreckt. In den labyrinthartigen, wuseligen Gassen gingen wir – ob beabsichtigt oder nicht – nie den gleichen Weg und entdeckten ständig neue Ecken. Von frischem Obst, Gemüse, Käse und Gewürzen bis hin zu prachtvollen Hochzeitskleidern und funkelndem Schmuck gab es kaum etwas, das man hier nicht fand.
An der Küste angekommen, lädt die kilometerlange, gut ausgebaute Promenade zum Flanieren am kristallklaren (und aktuell sehr eisigen) Wasser ein. Izmir ist riesig, wirkt aber zugleich modern und entspannt. Eine schier endlose Aneinanderreihung fünfstöckiger Wohngebäude prägt das Stadtbild, durchsetzt von gläsernen Business-Wolkenkratzern und schicker Architektur.
Eine Gruppe russischer Geographie-Studierender im Hostel erklärte uns, dass Izmir je nach Viertel ungewöhnlich divers sei. Ein Highlight war die alte Burgruine Kadifekale, die über der Stadt thront. Sie ist vom Hostel aus in unter einer halben Stunde zu Fuß erreichbar und bietet einen majestätischen Blick. Besonders beeindruckend fanden wir die Ruinen des antiken Wasserspeichers innerhalb der Burg – und das bei kostenlosem Eintritt!
Für Hund und Katz ist auch noch Platz!#
Schon nach wenigen Stunden im Hostel war klar: Diese Herberge ist nicht nur ein Zuhause für Menschen, sondern gleichermaßen für Katzen. Am frühen Abend kam Felix’ neu entdecktes Talent wieder voll zum Tragen: das „Putzige-Wesen-Anziehungstalent“. Schon in Kamerun landeten regelmäßig großäugige Babys fremder Mitfahrer im Taxi auf seinem Schoß und schliefen binnen Minuten ein. Diese Eigenschaft gilt offensichtlich auch für flauschige Schmusekätzchen, die bei jeder Gelegenheit seinen Schoß belagerten. Ab dem nächsten Tag klappte es immerhin auch bei Sandrine, zumindest hin und wieder. Wir gewöhnten uns schnell an unsere allgegenwärtigen flauschigen Mitbewohner. Einige, wie das schwarz-weiß gescheckte Kätzchen Tahin, gehören fest zum Hostel; andere sind Straßenkatzen, die von allen gefüttert werden und hier freien Einzug halten. Das scheint ein Abbild der gesamten Stadt zu sein: Überall prägen die flauschigen Vierbeiner das Bild, oft ergänzt durch kleine öffentliche Katzenhäuschen, die vom Viertel liebevoll mit Futter bestückt werden. Hin und wieder gesellen sich zottelige, riesige Hunde mit gutmütigem Blick dazu. Auch ohne sie wäre Izmir schwer vorstellbar.
Ausflug nach Çeşme#
Zwei Tage die Woche hatten wir frei. Da uns das Wetter oft mit Regen beschenkte, nutzten wir die freien Tage nur einmal für einen größeren Ausflug. An einem strahlend sonnigen Samstag ging es mit dem Bus nach Çeşme, einem pittoresken Ort an der westlichsten Spitze der Halbinsel. Nachdem wir uns in einer Börekçisi mit Simit, drei verschiedenen Börek-Sorten und Tee gestärkt hatten, erlebten wir eine wunderschöne Geste: Ein freundlicher Herr, der gerade mit seiner Zeitung an einem Nachbartisch saß, lud uns kurzerhand zum Tee ein. Alle Versuche des höflichen Ablehnens ignorierend, holte er zwei frische Tassen Çay für uns und setzte sich wortlos wieder an seinen Platz, um sich weiter in seine Zeitung zu vertiefen. Ein perfektes Beispiel für die bescheidene, unaufdringliche Gastfreundschaft, die wir hier so oft erleben. Mit vollem Bauch erkundeten wir die Burgruine von Çeşme, liefen die Promenade entlang und wanderten schließlich ins etwa 12 km entfernte Nachbardorf (Alaçatı), das für seine hübschen Altstadtgassen bekannt ist. Dort flanierten wir noch eine ganze Weile, bevor wir mit plattgelaufenen Füßen, aber sehr zufrieden, den Abendbus zurück nach Izmir nahmen.

































