Warum einfach wenns auch kompliziert geht?#
Wie auch bei der Anfahrt unseres letzten Stopps stellte sich auch diesmal nicht die Frage, ob wir per Anhalter fahren würden, sondern lediglich wie. Da der Pass in unserem Tal, wie wir zuvor erwanderten, gesperrt war, blieben uns noch zwei Routen: die übliche (langweilige) über die Autobahn nach Tbilisi, und die aufregende über kleine Straßen im Berghinterland durch das Nachbartal. Dreimal dürft ihr raten für welche wir uns entschieden haben. 😀
Laut Informationen aus dem vertrauenwürdigen Internet sollte der Pass im Nachbartal offen sein und wir hatten noch drei Tage Zeit, um rechtzeitig für unser Treffen mit Lukas in Yerevan anzukommen. Also nichts wie rein ins Abenteuer. Zunächst ging es dafür raus aus unserem Tal bis fast rein nach Batumi, um von dort aus in das nächste Tal zu kommen. Schon bei der Einfahrt in dieses neue Tal der autonomen Region Adjarien war klar, die Strecke hatte sich bereits gelohnt, so atemberaubend war die Landschaft. Auch wenn der Pass am Taleingang doch als gesperrt eingetragen war?! 🥶 Naja, wer wagt gewinnt.
Gegen 6 Uhr Abends gönnten wir uns im Dorf Schuachewi eine Khatchapuri und fuhren mit prallem Bauch gefüllt wieder weiter. Tatsächlich kamen wir den Tag über auch sehr gut durch und die Fahrt gestaltete sich an keiner Stelle als schwierig. Anders bei der Suche nach einer Unterkunft, denn alle Herbergen, an die wir in dem Dorf Schuachewi klopften, stellten sich als mehr als doppelt so teuer heraus, als die Summe, die wir maximal zu zahlen bereit waren. Im einzigen Hostel des Dorfes standen die Türen zwar offen, aber eigentlich offensichtlich war es nun wohl dauerhaft geschlossen und den Mumm zum Squatten hatten wir dann doch nicht. Also stellten wir uns der Dämmerung zum Trotz einfach wieder mit dem Daumen nach oben an den Straßenrand.

Update unserer intuitiven Physik#
Nicht viel später erbarmte sich uns auch ein freundliches Pärchen mit Opel Safira, dem Auto aus Felix’ Kindheit. Der Koffereaum war voll aber auf dem Dach war ein Gitter, auf das der Fahrer locker flockig unsere Rucksäcke schmiss. Unser Versuch, sie dann immerhin ein bisschen festzuschnallen, wurde mit einer deutlichen Handgeste und der Aufforderung, flott einzusteigen, abgewimmelt und so folgten wir artig und stiegen mit etwas mulmigem Gefühl ins Auto. Mit zügiger Geschwindigkeit fand das Auto seinen Weg durch die nächtlichen Berge und bei jeder Kurve und und jedem Schlagloch ging unser Blick suchend nach hinten, um zu überprüfen, dass unsere Rucksäcke von nun an auch nicht ihren eigenen Weg gingen. Hinzu kam die abnehmende Qualität der Straße. War sie bis dahin noch klein aber einwandfrei, änderte sich das ab diesem Stück nun wortwörtlich schlag(loch)artig. Aber, siehe da, mit großem Erstaunen mussten wir feststellen, wie standhaft unsere lose draufgelegten und hörbar auf dem Dach herumwackelnden Rucksäcke auch bei noch so großen Erschütterungen blieben. Wer hätte das gedacht? Wir haben unsere intuitive Physik damit auf jeden Fall geupdated: Wirklich beeindruckend, wie verlässlich die Schwerkraft und die Reibung auf dem Dachgitter dafür gesorgt haben, dass die Trägheit in den Kurven keine Chance hatte. 😜

Durch Schnee und Nacht#
Nach einer halben Stunde war das freundliche Pärchen dann an seinem Ziel - und zwar mitten in der Pampa. Ein bisschen hatten wir ja gehofft, dass sie fragen würden, wo wir jetzt unterkommen würden, was uns eine Steilvorlage geliefert hätte, um sie zu fragen, ob sie denn einen Ort kennen (etwa bei sich :-)). Das blieb allerdings aus, also standen wir da wie bestellt und nicht abgeholt, in der dunklen Kurve dieser verlassenen kleinen Straße auf knappen 2000 m Höhe, nicht allzu weit von dem nach Hörensagen befahrbaren Pass. Doch, immer wenn du glaubst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Autoscheinwerfer her; und zwar keine zwei Minuten später! Prompt wurden wir also wieder aufgegabelt - diesmal mit den Rucksäcken im Kofferraum, welch entspannte Wonne 😅 - und sogar die ganze eineinhalbstündige Strecke bis zur nächsten richtigen Stadt nach dem Pass kutschiert. Oben auf dem Pass angekommen, umgaben uns zu beiden Seiten beachtliche zwei Meter Schneewände und überhaupt hatte die nächtliche, winterliche Landschaft etwas traumhaft Mystisches an sich. Mit unserem gebrochenem Russisch konnten wir uns auch ein bisschen mit dem Fahrer unterhalten, den wir als sehr angenehm empfanden. In der Stadt angekommen fanden wir dann auch ohne Probleme eine günstige, authentische und sehr frendliche Herberge; ganz nach unserem Geschmack.
Spielplatz für Erwachsene#
Am nächsten Vormittag - !Guter Schlaf ist essenziel beim Reisen! - konnten wir natürlich nicht aufbrechen, ohne unser neu erschlossenes Städtchen zu besichtigen. Und so sattelten wir die Hühner (also uns selbst 🐓🎒) und gingen nach einem Frühstücksgroßeinkauf in einer verführerisch duftenden Bäckerei auf Erkundungstour. Und, wer hätte es gedacht, es gibt hier eine wirklich beachtliche Burg. Witzigerweise ist diese zumindest in Teilen gar nicht original, aber dennoch einfach sehr schön und insbesondere Felix war die nächsten Stunden voller Begeisterung über diese unerwartete Entdeckung.
Grenzgänger#
Am Nachmittag - die Besichtigung dauerte ein wenig - stapften wir dann an den Stadtrand und nahmen unsere Reise Richtung Grenze wieder auf. Auf eine etwas gequetsche Fahrt mit Rucksäcken auf dem Schoß vorne in einem Kleintransporter, idylisch an einem bewaldeten Fluss entlang, folgte unsere erste LKW-Fahrt 🚛. Dann, 20 km bis zur Grenze, sammelten uns noch zwei freundliche Russen ein und langsam wurde uns klar, dass Russisch vermehrt zur nützlichen Fähigkeit wird. Sie luden uns jenseits ihres eigenen Ziels direkt an der Grenze ab.
Der Grenzübergang selbst war fix erledtigt. Mit den erstaunten Beamten und Wachmännern, dieses verschlafenen Überganges, welchselten wir unsere ersten Worte in Armenien, das wie Georgien auch eine ganz eigene Schrift hat, die wir leider nicht lesen können. Ein bisschen unterschätzt hatten wir hier die Höhe und Kälte, aber nach einer guten Weile der Warterei, direkt vor den belustigten Grenzbeamten, ging die Fahrt mit einem leeren Kleinbus weiter. Was sich bei der stetig aufsteigenden Anfahrt aus Georgien schon angebahnt hatte, waren die sanften, bewaldeten Hügel einer kargen, zugig-kalten, nicht gerade fruchtbar wirkenden, Hochebene gewichen. Von der Art erinnerten uns auch die Dörfer - eher ärmlich wirkende Bauerndörfer - an den Osten der Türkei auf der anderen Seite des Mount Ararat, den man auch von Armenien aus die ganze Strecke Richtung Yerevan über sehr gut sieht.

Yerevan will uns nicht unterbringen#
Noch bei Tageslicht im worwörtlichen Tiefpunkt Zentralarmeniens auf knapp 1000 m in der Hauptstadt Yerevan angekommen, war unsere erste Station die Suche nach der Unterkunft, die wir auf Airbnb angefragt, die uns allerdings noch nicht bestätigt hatte. Die genaue Adresse kannten wir nicht, also suchten wir, jedoch ohne Erfolg. Weitere Versuche, andere Herbergen in der Nähe aufzufinden blieben ebenfalls erfolglos. Entweder sie waren voll, nicht auffindbar oder nicht erreichbar. Also griffen wir auf good ol’ Booking.com zurück, um dort ein Hostel zu reservieren. Dieses war allerdings wiederum kaum zu finden (nicht ausgeschildert, man muss durch einen Hinterhof über ein karges Treppenhaus in den ganz letzten Stock laufen) und sobald wir es gefunden hatten stießen wir auf einige verwirrte andere Reisende, die dort warteten und keine Ahnung von nichts hatten. Stück für Stück fanden wir heraus, wie man den Besitzer anrufen kann, der uns (und 20 Minuten später auch anderen Gästen versicherte), dass er in jeweils 15 Minuten da sei. Gute 45 Minuten später traf er ein, erklärte uns sowie allen anderen Wartenden, dass die Reservierung (aus jeweils verschiedenen Gründen) eigentlich mehr als doppelt so viel kosten würde und, als wir ihm entgegneten, dass booking.com nicht so liefe, packte er uns mit festem Griff am Arm und schmiss uns kurzer Hand raus. Da waren wir also um 23 Uhr im Herzen Yerevans und hatten nach guten 4 Stunden der Sucherei immer noch keinen Schlafplatz. Wieder probierten wir es mit einem neuen Hostel und, dem Himmel sei Dank, diesmal klappte es und die Leute waren mit einer großen Portion liebevoller Herzlichkeit das knallharte Kontrastprogramm zur vorherigen Erfahrung.

Da unsere Schlafgelegenheit für die kommenden beiden Nächte nun geklärt war, konnten wir uns den nächsten Tag entspannt auf die Stadt selbst einlassen. Dabei wurden wir vor allem, bei unserem abendlichem Spaziergang ins Zentrum überrascht. Denn, wenn uns auch gar nicht so richtig bewusst ist, wie genau wir uns Yerevan vorab eigentlich vorgestellt hatten, so war es auf jeden Fall nicht. Die prächtigen Altstadtbauten die auf dem Hauptplatz in das goldene Licht der untergehenden Sonne getaucht waren in Kombination mit dem wahnsinnig beeindruckend modernen DJ-Festival und der jungen, vor Energie brummenden Atmosphäre hat es uns wahrlich angetan.
Was ist also unser Fazit zu dieser Art der Anreise? War sie es wert? Würden wir es wieder so machen? Aber hallo, keine Frage, sowas von, JA! 😃😎













