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Unter ProfiköchInnen

·1169 Wörter·6 min
Inhaltsverzeichnis

Nach unserem Zwischenstopp in Tbilisi ging es - wieder per Anhalter - weiter in den Nordosten Georgiens. Hier, genauer in Telavi, erwarteten uns die Malayin Julie und der Franzose Jean Michel für zwei Wochen in ihrem kleinen Gästehaus.

Spannende Charaktere
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Julie ist gelernte Journalistin und aktuell Autorin und Editorin von Ernährungsartikeln und -kochbüchern, sowie Gastronomie- und Hotelleriekritikerin - die Art von Mensch, die dafür bezahlt wird, in einem Sternehotel oder -restaurant alle möglichen coolen Dinge auszuprobieren und zu bewerten; Mega! Jean Michel ist professioneller Koch und sogar die Art von Koch, der andere professionelle Köche ausbildet, in der universitären Lehre tätig, und selbst Unternehmer im Bereich von Gastronomie- und Ernährungszulieferbetrieben. Für seine Begeisterung war Jean Michel schon an allen möglichen Ecken der Welt tätig; von diversesten Ländern in Südostasien über Ägypten und generell Afrika bis hin zu Südamerika. Daher kennt er das Business nun aus verschiedensten kulturellen Perspektiven. Besonders vor dem Hintergrund, dass wir selbst praktisch keine Berührungspunkte mit diesen Branchen haben, sind wir also bei einem sehr spannenden Paar gelandet, von dem wir entsprechend viel lernen konnten.

Vier Leute vor einem Garten.
Zusammen mit unseren Gastgebern im Garten.

Seit Covid haben sich die beiden in Georgien in ihrem selbstgebauten Häuschen niedergelassen haben - im Übrigen das funktionstüchtigste. sowie auch am stilvollsten eingerichtete Haus, in dem wir in Georgien bisher waren. Hier empfangen sie Gäste, die sie z.T. auch bekochen und leben ihren Traum, aus dem, was in ihrem eigenen Garten sowie im Wald wächst köstliche, ausgefallene Speisen zu erschaffen.

Fun fact: Julie und Jean Michel hatten getrennte Flüge nach Georgien und während Julie auch wie geplant am Ziel ankam hatte Jean Michel akzeptiert, aufgrund von Überbuchung gegen Entschädigung einen Flieger am nächsten Tag zu nehmen. Dieser Tag war allerdings der eine Tag zu viel, denn als die georgische Grenze wegen Covid schloss, war Jean Michel zwar bereits am Flughafen in Tbilisi, aber musste wieder zurück und konnte erst ein halbes Jahr später dazustoßen.

Unser Beitrag
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Unsere Aufgabe besteht am Rande in der Hilfe beim Bettenwechsel, im Wesentlichen aber darin, den Garten mit zu kultivieren und bei Waldsammelaktionen mitzuhelfen. Jean Michel kam kurz vor unserer Ankunft erst von seinem längeren Aufenthalt in Malaysia zurück, somit musste der Garten wieder gut in Schuss gebracht werden, zumal jetzt in den Frühlingsmonaten auch die Saison begann. Um neun Uhr ging es also direkt ans Werk, Frühstück haben wir alle beschlossen zu skippen (Julie und Jean Michel essen sogar nur einmal am Tag). Unser üblicher Arbeitstag bestand meist darin, am Vormittag bis ca. 13 Uhr im Garten zu arbeiten, um 13 Uhr zügig zu brunchen, anschließend nochmal im Garten zu arbeiten, meist jedoch in den Wald zu fahren, um dort allerhand leckere und nützliche Dinge zu sammeln.

Fülle auf dichtem Raum
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Die Gartenarbeit umfasste sowohl das Vorbereiten der Beete (Unkraut jäten, Erde auflockern, mit dem frisch gemähtem Gras bedecken, Stäbe für Kletterpflanzen setzen), als auch das Umwälzen des Kompostes (das Ding ist drinnen wirklich beeindruckend heiß! 💩🔥), natürlich das Pflanzen neuer Samen und Setzlinge und deren Bewässerung, das Pflücken und Ernten (z.B. Spargel oder Löwenzahnblumen aus denen wir Honig, Sirup, Likör, Salat oder fritiertes Etwas gemacht haben), aber auch Tätigkeiten wie etwa das Abgraben von Stufen zum Zwecke einer gleichmäßigen Rampe waren im Programm.

In Summe war die Gartenfläche gar nicht so groß, vlt. 300 m². Dafür umfasste das Grundstück allerdings eine erstaunlich große und dichte Vielfalt an Pflanzen. Beete wurden immer für ein Zusammenspiel unterschiedlicher Pflanzenarten genutzt, niemals nur für eine. Und Jean Michel erwähnte, dass man seit diesem Jahr an der Qualität der Erde nun wirklich die Früchte der guten Bodenpflege sehen würde, die er über die sie seit Beginn an Stück für Stück aufgebaut haben. Insgesamt lässt sich das Ergebnis wirklich sehen. Die Fülle an in diesem Garten vorhandenen Früchte-, Gemüse-, Kräuter- und Blumenarten ist beachtlich.

Circa eine Stunde unserer typischen Arbeit für euch in 200x Geschwindigkeit ⏩

Leere auf weiter Flur
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Für unsere nachmittaglichen Wald-Exkursionen fuhren wir in Jean Michel’s 4-Rad-Antrieb stets mit unserer Hündin Maimai (oder so ähnlich, gesprochen Mämä) in die üppigen Wälder Georgiens. Manchmal waren es 20 Minuten Anfahrt, manchmal aber auch eine gute Stunde. Dort angekommen ging die Suche los. Meist waren es gleich mehrere Dinge, sodass die Anfahrt nie vergeblich war. Der schwierigste Suchgegenstand waren Pilze, die sich uns meist nicht so richtig offenbaren wollten. Egal ob Morcheln, Austern-Seitlinge, Schwefelporlinge oder sonstiges, selbst an den absoluten Geheimtippstellen weit und breit keine Spur von ihnen. Das kann, so Jean Michels Erklärung daran liegen, dass es zuvor noch ungewöhnlich kalt für die Jahreszeit war. Doch einmal hatten wir dann doch Glück und konnten unser Abendessen mit einem großen Schwefelporling verfeinern, dessen Textur ihm auch den passenden Spitznamen chicken of the woods eingebracht hat. Mit den anderen Dingen - z.B. Bärlauch, bestimmte Blumen, Tannennadeln zum Mulchen und irgendeiner lustigen Pflanze, dessen Namen wir vergessen haben und aus der man wohl guten Dünger herstellen kann - hat es dann immerhin gut geklappt.

Ach, das kann man essen?
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Wieder zurück zu Hause angekommen ging es dann auch direkt ans Werk, um die mitgebrachten und im Garten verfügbaren Güter zum Abendessen zu verarbeiten. Dabei kamen häufig Zutaten zum Einsatz, von denen wir überhaupt nicht wussten, dass man sie auch essen kann, etwa Bärlauchstiele, unterschiedlichste Blumenblüten, Ginkonüsse u.v.m. Meist bestand das Abendessen aus vielen Gängen und auch das Drumherum wie die Majonäse, das Pesto, das frisch gebackene Brot, der Sirup oder Likör war hausgemacht. Nach unserem doch ein wenig erratischem Essgelage der letzten Wochen (vor allem während unseres Projektes in Zugdidi war diese regelmäßige 2-mal-am-Tag-wahnsinnig-gesundes-diverses-bewusstes-und-einfallsreiches-Essen-Kur eine willkommene Rückkehr in einen wieder etwas gesünderen Alltagsrhythmus.

Lokale Tradition
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An unserem freien Tag gab es in einem naheliegenden Dorf eine traditionelle Veranstaltung mit Pferderennen zur Erinnerung an einen lokalen Helden. Eigentlich sollte es um 10 Uhr losgehen, aber als wir in weiser Vorausicht erst gegen 11 Uhr eintrafen, warteten im Wesentlichen die Expat Community und ein paar Jungs mit Pferden.

Eine ganze Weile später ging es dann eher spontan mit einem Fahrradrennen für die Jungen des Dorfes los. Mittlerweile waren über 30 Pferde und ihre Reiter im Alter von vlt. 8 bis 18 Jahren versammelt. Mit dem Eintreffen der Dorfältesten begann die Zeremonie mit einem Gebet an einem Denkmal, gefolgt von einer Prozession zur lokalen Kapelle. Hier wurde dann eine Art Messe abgehalten an der allerdings nur die Männer des Dorfes teilnehmen durften, während die Jugendlichen auf der idyllischen Wiese warteten und der ein oder andere seine Reitkünste zur Schau stellte. Hier war ein Junge interessiert, sein Englisch an uns zu probieren und wir konnten doch Einiges erfahren. So zum Beispiel stellte sich der letzte Part, das angekündigte Rennen, als Rundlauf heraus, der mit 11 km recht lang war. Daher beschlossen wir, nachdem wir die ersten paar Kilometer mitgelaufen waren, den restlichen Nachmittag noch ein paar essbare Blumen im naheliegenden Wald zu sammeln.

Dieser Spirit, dass sich alles ums Essen dreht, könnte gut das Motto unseres Aufenthalts in der Natur in und um Telavi sein.