Unsere familiäre Gemeinschaft#
Nach unseren Abenteuern in kleiner Reisegruppe durch Armenien, wollten wir den nächsten Schritt wagen und in einem Projekt in Aserbaidschan das Leben in einer größeren Gemeinschaft testen.
Leyli und Murad leben mit ihren Kindern Sibi und Şəms in Meshe (dt.Wald), unweit des Dorfes Dashtatük, welches wiederum nicht allzu weit von Ləkəran liegt. Sie sind im Begriff, eine selbstversorgende Gemeinschaft zu erschaffen. Neben der Familie umfasst das Kernteam zwei Langzeitvolunteers Pakiza und Ayşən, die nun schon bald ein Jahr hier leben, sowie Əyyub-Əmi (dt. etwa Äjub-Onkel), ein sehr sanftmütiger Herr aus dem Dorf, der bei allerhand landwirtschaftlicher Tätigkeiten aushilft. Komplett wird die Gemeinschaft durch Hund Mango sowie die beiden Katzen Tofiq und Leyli.
Als erste Workawayer durften wir während unseres Aufenthaltes in Aserbaidschan Teil der Familie und des Projektes sein. Ein bisschen neugierig waren wir ja schon, da wir dem Konzept eines stärker gemeinschaftsorientierten Lebensstils schon seit einer Weile vermehrt etwas abgewinnen können. Hiermit hatten wir nun die Gelegenheit, eine Umsetzung dessen selbst zu erleben. Entsprechend haben wir uns erfahrungsfreudig und wissbegierig, aber auch vorfreudig, wieder einem etwas sässhafteren und geregelteren Alltag nachzugehen, in diese Erfahrung gestürzt.
Ankunft in Meshe#
Aber, nicht zu voreilig, denn aufgrund des anhaltenden Konflikts mit Armenien war ein direkter Transfer nicht möglich. Nach 24 Stunden Aufenthalt in Tiblisi und einem kurzen, unvermeidbaren Flug - Einreise nach Aserbaidschan ausschließlich per Flugzeug 😕 - trafen wir am Busbahnhof in Baku Marius, einen anderen Volunteer aus Moldavien. Von dort aus ging es mit einem Bus durch karges, flaches Land in die südlich gelegene Stadt Ləkəran. Am dortigen Busbahnhof hätten wir eigentlich abgeholt werden sollen. Allerdings wurden wir per Anruf darüber informiert, dass eine Bienenfamilie ausgebüchst ist, weshalb uns per Bolt-App eine Mitfahrgelegenheit organisert wurde. Das klappte einwandfrei bis wir den ersten Fluss erreichten, den wir überqueren mussten und für den das Gefährt unserer Mitfahrgelegenheit nicht ausgerichtet war. Die Lösung für die letzten 2 km war simpel: Gepäck aufsatteln und laufen. Gesagt, getan und so lotste uns Leyli am Telefon den Pfad über in Summe drei kleinen Flüsschen zum Zielort, dem Meshe Ecovillage.
Diese Anreise stimmte uns dann auch gleich von Tag eins an auf das hiesige abgelegene und von Natur umhüllte Allatgsleben ein. Begrüßt wurden wir sogleich ganz herzlich mit köstlichen Datteln und – natürlich der Sache, die wie in so manch anderem Land insbesondere auch in Aserbaidschan niemals fehlen darf – köstlichem Tee.
Ran an die Arbeit#
Ab dem nächsten Morgen ging es an die Arbeit, denn es gibt viel zu tun. Unser erster Tag begann mit einer Tour über das Grundstück und einer Vorstellung der anstehenden Projekte. Unter anderen sollte (Luft holen!) das neue Volunteergeäude gestrichen, die Arbeitsflächen für die Außenküche geschaffen, die Werkzeugkammer entrümpelt, das experimentelle Feld geerntet und auf Vordermann gebracht, die Obstbäume gedüngt sowie das Gras gemäht und gesammelt werden.
Im Wesentlichen beschäftigte uns allerdings das ca. 30x30 m² große Hauptfeld, gegliedert in knapp 30 Reihen. Was nach einem übersichtlichen Feld klingt und auch so ausschaut, ist – das lasst euch sagen – doch eine ganze Menge Arbeit; inbesondere, wenn man so ganz ohne Hightech ackert.
Um eine ordentliche Ernte einzufahren, war ein ganzer Batzen an Aktivitäten fällig und damit das alles auch seine Ordnung hat, hatte Paki hier im alltäglichen Regelbetrieb den Hut auf (auch wortwörtlich 👒). Zwischen Pflügen, Unkrautjäten, Mulchen, Ernten, Trimmen, Stabilisieren, Düngen, Pflanzen, usw. hielt uns alleine dieses Feld auf Trab, sodass nur am Rande Zeit für die anderen Projekte blieb. Da bekommt man ein ganz neues Gefühl dafür, wie viel Zeit dem Menschen durch effiziente, moderne Produktionsweisen von Nahrungsmitteln erspart und für andere Beschäftigungen – etwa abstrakte Promotionen 🎓– bleibt. Oder andersherum ausgedrückt: wie viel Zeit und Energie alleine die Nahrungsmittelbeschaffung ohne Inanspruchnahme externer Energiequellen in Anspruch nimmt.
Auf der anderen Seite war für uns allerdings auch auffällig, wie natürlich und man könnte sagen beruhigend sich diese körperliche Arbeit anfühlt, bei der der Geist einfach wandert, trotz der körperlichen Anstrengung kein Stress aufkommt, man überwiegend an der frischen Luft ist und gut Sonne tankt (natürlich entsprechend geschützt). Dieser Mix führte bei uns merklich zu gutem Schlaf, und man kam um den Gedanken nicht herum, dass unser Körper schlicht mehr für diese Art von Tätigkeit ausgelegt ist, als etwa dafür, 9 to 5 im Innenraum stillzusitzen, vor dem Computer zu arbeiten und für den anschließenden Zeitvertreib Netflix-Serien oder Social Media auf dem Sofa zu konsumieren. Während der Arbeit bot sich die Gelegenheit, uns in Gesprächen zu vertiefen oder auch auditive Medien zu lauschen. Oft genug waren wir mit Gedanken aber auch ganz bei der aktuellen Tätigkeit oder ließen sie einfach schweifen.
Wettlauf gegen die Zeit#
Manchmal kam in unsere arbeitsreiche, aber ruhige Routine doch ein Hauch von Hektik. Genauer dann, wenn externe Faktoren plötzlich Aktion erforderten.
Mensch vs. Biene#
Da waren zum Beispiel die ca. 15 Bienenstöcke, die doch viel Pflege bedurften. Insbesondere zu dieser Jahreszeit wachsen in den Waben, neben den Arbeiterinnen und Dronen, auch Königinnen heran. Da kann es passieren, dass so manche Problembienenfamilie mehrere Königinnen beheimatet. Dies führt zu einer Teilung des Volkes und plötzlich verlässt die Hälfte der Bienen den Bienenstock, um eine neue Bleibe zu suchen. Um die Bienen nicht zu verlieren, gilt es schnell zu handeln. Zum ersten, nie die Bienen aus den Augen verlieren. Zum zweiten, mit aneinanderschlagen von metallischen Gegenständen die Bienen zusammentreiben. Zum dritten, sobald sie sich niedergelassen haben, in unserem Fall natürlich hoch im größten Baum des Grundstücks, diese mit einem Eimer wieder einsammeln. Und zu guter Letzt einen neuen Bienenstock bereitstellen. Auf diese Art wuchs die Anzahl der Bienenstöcke binnen unserer Anwesenheit immerhin von 14 auf stolze 17 an.
Mensch vs. Maschine#
Ein weiter Moment erhöhter Hektik, begann just als eines Mittags gerade während des Essens mal wieder das stetige Summen der Bienen zu einem Brausen anschwoll und sich eine Wolke aus einem der Bienenstöcke, wie eben bereits beschrieben, erhob. Gerade war die Situation wieder unter Kontrolle und die Bienen in ihrem neuen Zuhause, hupte unvermittelt ein Traktor mit Ballenpresse vor dem Tor. Auf dem Hauptgelände hatten wir das Gras am Morgen bereits aufgehäuft, doch, das ein paar Tage zuvor maschinell gemähte Gras einer weiteren knapp ein Hektar großen Nebenfläche, war noch nicht vorbereitet. So begann das Duell von einem Mann mit seinem Traktor gegen sechs zur Hochleistung angetriebene schwitzende aber umso knackig braun gebranntere Menschen mit Rechen. Aufgabe war es, das Gras in ca. 1 m breite Streifen zusammenzuraffen, sodass die Einfädeleinrichtung der Ballenpresse diese effizient einsammeln konnte. Mit vereinter Kraft konnten wir zu sechst gerade so mit der Maschine mithalten und als die Sonne hinter dem Horizont verschwand lagen ca. 180 gepresste Strohballen auf der Wiese verstreut.

In guter Gesellschaft#
Dieser körperlich fordernden und kognitif entlastenden Arbeit stand, vor allem bei den Mahlzeiten, der nette Kontrast unserer umso anregenderen Gespräche mit unseren Gastgebern gegenüber. Ihr internationaler Hintergrund, Leyli wuchs in mehreren Ländern darunter den Niederlanden auf, sowie ihre Erfahrungen als Teil der aserbaidschanischen Kunstszene, erlaubten tiefe, interessante Einblicke in lokale Themen sowie eine differenzierte Betrachtung globaler Tendenzen. Somit war der intensive Austausch während der Mahlzeiten zu verschiedensten soziokulturellen, gesellschaftlichen, oder politischen Themen stets ein großes Vergnügen.
Dadurch, dass wir endlich mal wieder in einer ausschließlich lokalen Gesamtrunde waren, die aber zum Teil auch im Ausland verwurzelt ist, bekamen wir - trotz hauptsächlich Englischer Kommunikation - auch von der lokalen aserbaidschanischen Sprache etwas mit. Dazu mehr im Überblicksartikel.
Nett war auch, dass wir an einem Wochenende einen Großbesuch miterleben konnten. Denn hin- und wieder dient das Meshe Ecovillage als Eventlocation, Leute kommen zum Retreat, sowie Gruppen für Festivals und Workshops. Dieses Mal wurde, zusammen mit einigen Freunden der künstlerischen Szene in Baku, ein neues Konzept für Gäste, die sich der stressigen Stadt entziehen wollen erprobt. Somit hatten wir full House und nach der Arbeit wurde gemeinsam gekocht, gegessen, gespielt und musiziert. Das erweiterte dann auch nochmal unseren Kontakt zu so manchem Einheimischen.
Essen#
Hier kommen wir nicht umhin, auch ein paar Worte über unsere Verpflegung zu verlieren. Dreimal am Tag gab es köstliche Speisen frisch zuberetet von Ayşən. Das Frühstück war ähnlich reich und vielfältig, wie in der Türkei, hatte aber eigene Akzente, wie z.B. eine eigene Art Frischkäse, Kascha - Brei, aus Grieß oder Haferflocken -, und teilweise auch selbst gebackenes Brot. Mittags gab es meist die Reste vom Vorabend. Für die Zubereitung des Abendbrots bekam Ayşən stets einen Hilfskoch/-köchin zur Seite gestellt und es gab üblicherweise Suppe, Salat und ein Hauptgericht. Einige Gerichte waren typisch für Aserbaidschan und besonders eine säuerlich erfrischende Graupensuppe auf Joghurtbasis werden wir in unser Repertoire aufnehmen. Zudem gab es keine Mahlzeit ohne Brot und als uns dieses einmal ausging, wurde ernsthaft beratschlagt, ob wir so überhaupt essen können.
Zwischendurch gab es stets die Möglichkeit von Tee mit kleinen Snacks, wie Datteln oder Früchten. Zur späten Stunde (gegen 23 Uhr) gab es häufig auch noch einen Nachtisch, den Sandrine und Felix wegen unserer Vielschlaferei meist am nächsten Tag verspeisten.
Zu neuen Ufern#
Die meiste Zeit verbrachten wir in unserer Idylle abseits vom Schuss – die übrigens immerhin über einen Stromanschluss, fließendes Wasser frisch aus dem vorbeirauschenden Bach und (man höre und staune!) einen Glasfaseranschluss verfügte. Doch unsere freien Tage wussten wir für kleinere und größere gemeinsame Exkursionen in die umliegende Natur zu nutzen. Viele Strecken legten wir zu Fuß zurück. Bei weiteren Strecken fuhr Murad uns entweder mit seinem robusten Allradwagen oder wir trampten. Dabei fielen uns die vielen Fotos, Texte und Statuen von Veteranen sowie die Banner des ehemaligen Präsidenten auf, die in kurzen Abständen am Straßenrand standen. Im Stadtkern von Ləkəran selbst landeten wir zwar nie, aber die umliegenden Dörfer und Außenbezirke, vor allem aber der Strand, die WIRKLICH heißen Quellen von Istisu, der Xanbulan-See und das Baden im nahegelegenen Fluss waren jeden Ausflug wert. Zumal die Stimmung in der Gruppe – natürlich stets stilecht mit Picknick und Tee – immer toll war.
Zusammen ist man weniger allein#
Am Ende blieben wir sogar noch ein paar Tage länger als geplant. Da sich unsere Visumszeit von 30 Tagen jedoch dem Ende zuneigte, noch unklar war, wann die Fähre nach Kasachstan ablegen würde (mehr dazu im nächsten Post) und wir uns noch ein, zwei Tage für Baku nehmen wollten, ging es am 26. schließlich zurück in die Hauptstadt. Doch statt alleine von dannen zu ziehen, bot uns eine Freundin von Pakiza, die am Vorabend nach Meshe kam, Unterschlupf in ihrer Wohnung in Baku an. So machten wir uns kurzerhand gemeinsam mit ihr und Marius per Anhalter auf den Weg – und trugen den gelebten Gemeinschaftsgedanken direkt mit uns weiter.
Wir danken unserer Mesha-Familie von Herzen für ihre Gastfreundschaft und diese unvergessliche gemeinsame Zeit. Sie hat uns darin bestärkt, dass ein Leben in Gemeinschaft definitiv etwas für sich hat!

















